{"id":449,"date":"2012-06-18T22:06:00","date_gmt":"2012-06-18T20:06:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michael-krell.com\/?p=449"},"modified":"2017-05-16T14:26:19","modified_gmt":"2017-05-16T12:26:19","slug":"renntaktik-langdistanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.michael-krell.com\/de\/renntaktik-langdistanz\/","title":{"rendered":"Renntaktik Langdistanz"},"content":{"rendered":"<div>So kurz vor den gro\u00dfen Wettkampfh\u00f6hepunkten noch einmal ein alter Bericht, der jedoch nach wie vor aktuell ist, vor allem f\u00fcr Unerfahrene Starter\/innen:<\/div>\n<div><\/div>\n<table style=\"margin-left: auto; margin-right: auto; text-align: center;\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"text-align: center;\"><a style=\"margin-left: auto; margin-right: auto;\" href=\"http:\/\/www.michael-krell.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/andi.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michael-krell.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/andi-261x300.jpg\" width=\"348\" height=\"400\" border=\"0\" \/><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: center;\">Foto: Sebastian Kuhn (Andi Raelert und Andi Dreitz)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<div>Zeit f\u00fcr eine <b>kleine Taktikstunde<\/b>. Hier mal ein sehr guter Bericht von Arne Dyck (triathlon-szene.de) \u00fcber die Gefahren auf der Langdistanz:<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>Triathlon auf der Langstrecke ist ein komplexer Sport, der herausragende Ausdauer und profundes Wissen erfordert. Die Gr\u00fcnde des Scheiterns sind jedoch fast immer die gleichen und ziemlich banal. Um so mehr verwundert es, dass sie fast jedem Langstreckler irgendwann einmal passiert sind.<\/div>\n<p>F\u00fcr mich, mein erstes Roth-Erlebnis, siehe Bild oben. Bei Laufkilometer 25 war schon jegliches Blut au\u00df meinen Adern gewichen, kreidewei\u00df und zombigleich irrte ich dem Ziel entgegen \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Die <b>klassischen Gr\u00fcnde<\/b> f\u00fcr das Scheitern auf der Langdistanz sind:<br \/>\n<b>&#8211; \u00dcberzocken<\/b><br \/>\n<b>&#8211; Falsche Nahrungsaufnahme<\/b><br \/>\n<b>&#8211; Fehler beim Trinken<\/b><br \/>\n<b>&#8211; Natriummangel<\/b><\/p>\n<p><b>Falsche Renneinteilung<\/b><br \/>\n\u00dcberzocken ist auf der Mittel- und Langstrecke der h\u00e4ufigste Grund, der ein Rennergebnis, wie es dem Training nach zu erwarten gewesen w\u00e4re, vereitelt, oder gar zur Aufgabe zwingt. Am h\u00e4ufigsten beobachtet man diesen Fehler bei sehr guten Altersklassenathleten. Das ist kein Wunder, denn diese Gruppe hat enorm viel in die Wettkampfform investiert \u2013 entsprechend hoch ist die Motivation und der Erwartungsdruck; kaum jemand von ihnen ist bereit, auch nur eine Minute unterhalb der eigenen M\u00f6glichkeiten zu finishen. Bei den langsameren Athleten findet man etwas mehr Vorsicht, vor allem wohl aus Respekt vor der extremen Herausforderung, die das blo\u00dfe Finishen darstellt.<\/p>\n<p>Am h\u00e4ufigsten wird auf dem Rad \u00fcberzockt, und zwar in den ersten ein bis zwei Radstunden. Von allen Renntaktiken ist ein zu schneller Beginn auf dem Rad die gef\u00e4hrlichste. Sie f\u00fchrt regelm\u00e4\u00dfig dazu, dass die Athleten weit unter ihren eigentlichen M\u00f6glichkeiten finishen. In allen mir bekannten F\u00e4llen f\u00fchrt ein zu mutiger Beginn zu einem Einbruch bereits auf dem Rad, normalerweise in der N\u00e4he von Radkilometer 120. Von hier ist es noch weit bis in Ziel. Auf den letzten 30 Radkilometern verliert man in der Regel einen gro\u00dfen Teil des zuvor m\u00fchsam erballerten Polsters auf die Zielzeit. Der Marathon l\u00e4uft dann 15 bis 20 Kilometer gut und nach Plan, danach zahlt man seinen Zoll. Nicht eine schnelle Radzeit macht die Laufbeine kaputt, sondern eine zu schnelle erste Radstunde.Es lohnt sich f\u00fcr alle Leistungsklassen, auf den ersten 60 Radkilometern etwas Zeit zu investieren. Einige wenige Minuten k\u00f6nnen wahre Wunder bewirken! Ich wei\u00df, es ist schwer, sich zu bremsen in der Rennphase, in der man sich am st\u00e4rksten f\u00fchlt. Wer sich jedoch zun\u00e4chst etwas zu bremsen wei\u00df und die \u00fcbersch\u00fcssigen Energien nutzt, um sich sehr solide zu verpflegen, wird sp\u00e4ter im Rennen die Zinsen dieser Investition kassieren.<\/p>\n<p>Was bedeutet sp\u00e4ter? Zweierlei: Erstens f\u00fchrt diese Taktik zu einer starken Leistung jenseits von Radkilometer 120. Bereits hier wirst Du viele Mitstreiter einholen, die zu Beginn der Radstrecke an Dir vorbeigebrettert sind. Verla\u00df Dich drauf, Du sammelst sie alle wieder ein, au\u00dfer jene, die einfach besser sind als Du (sei froh dass Du sie ziehen lie\u00dfest). Alle anderen werden Deine Beute.<br \/>\nZweitens zahlt sich eine clevere Radtaktik auf der Laufstrecke aus. Nicht unbedingt auf der ersten H\u00e4lfte, den bis dorthin laufen alle stark. Doch alte Hasen wissen, das ab Halbmarathon das Rennen erst beginnt. Jedes Korn, jede Kalorie, Du Du bis zu diesem Punkt des Rennens aufgespart hast, ist nun Gold wert. Denn Schwierigkeiten beim Marathon kosten extrem viel Zeit. Es ist unm\u00f6glich und ausgeschlossen, eine gute Radzeit und einen schlechten Lauf zu einer guten Gesamtzeit zu kombinieren. Probleme beim Marathon kosten in allen F\u00e4llen mehr Zeit als das zuvor herausgefahrene Zeitpolster beim Radsplit. Konkret: Wer auf dem Rad um 5 Minuten \u00fcberzockt, bekommt beim Marathon das doppelte oder dreifache wieder aufgebrummt.<br \/>\nDas liegt ganz einfach daran, dass der Luftwiderstand beim Radfahren 90% der investierten Energie frisst, lediglich 10% kommen vortriebswirksam dem Athleten zugute. Es handelt sich also um eine Investition zu einem extrem schlechten Wechselkurs. Sp\u00e4ter, beim Marathon, lassen sich bessere Gesch\u00e4fte machen. Wohl dem, der hier noch etwas im S\u00e4ckel hat.<\/p>\n<p><b>Der Marathon<\/b><br \/>\nAuch beim Marathon wird h\u00e4ufig \u00fcberzockt. Zwei Phasen des Laufs sind besonders anf\u00e4llig f\u00fcr taktische Fehlentscheidungen:<\/p>\n<p>die ersten 5 Laufkilometer<br \/>\nLaufkilometer 5-15.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr eine \u00fcberzogene Tempowahl auf den ersten 5 Kilometern des Marathonlaufs sind meistens folgende:Irref\u00fchrendes Tempogef\u00fchl nach dem Radfahren. Nachdem viele Stunden lang die Landschaft im Eiltempo an einem vorbeiflog, f\u00fchlt sich auf den ersten Kilometern des Marathons nahezu jedes Lauftempo sehr langsam an. Das f\u00fchrt zu Fehleinsch\u00e4tzungen der Pace.<br \/>\nDie Laufform als Waffe. Dies passiert vor allem besonders starken L\u00e4ufern. Nach den ersten beiden Disziplinen kommt f\u00fcr die nun das Sahnest\u00fcck. Hier wollen sie in die Waagschale werfen, was sie l\u00e4uferisch k\u00f6nnen. Mit dem Gef\u00fchl &#8222;Euch zeig\u2019 ich\u2019s&#8220; rennen sie aus der Wechselzone los und schlagen dabei ein Tempo an, das auch bei sehr optimistischer Einsch\u00e4tzung der eigenen Leistungsf\u00e4higkeit einfach einen Tick zu hoch ist.<\/p>\n<p>Einfluss der Zuschauer. Kaum hat man die zweite Wechselzone verlassen und die ersten, zweifellos heroischen Schritte in die 42 Kilometer lange Arena der Gladiatoren unternommen, schreien die Zuschauer jeden nach vorne, der sich noch aufrecht auf den Beinen halten kann. Hier cool zu bleiben ist schwierig; h\u00e4ufig schl\u00e4gt man zugunsten der Show und des Selbstwertgef\u00fchls ein h\u00f6heres Tempo an, als ratsam w\u00e4re. F\u00fcr Zuschauer ist dieser Typus allerdings sehr leicht zu erkennen und sorgt regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Heiterkeit.<\/p>\n<p>Die zweite kritische Phase kommt irgendwo zwischen Kilometer 5 und 15 der Marathonstrecke. In diesem Abschnitt korrigiert man h\u00e4ufig das Lauftempo der Startphase deutlich nach oben. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind leicht nachvollziehbar: Hier haben die Beine ihren Laufrhythmus gefunden, die Maschine l\u00e4uft gut ge\u00f6lt und Euphorie verstr\u00f6mt ihr fatales Gift \u00fcber die Gro\u00dfhirnrinde. Das f\u00fchrt dazu, dass man seine tats\u00e4chliche Leistungsf\u00e4higkeit f\u00fcr die Stunden, die noch vor einem liegen, \u00fcbersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p><b>Hintergr\u00fcnde:<\/b><br \/>\nPhysiologisch bedeutet das, dass man mehr Kohlenhydrate verbraucht, als der K\u00f6rper aus Speichern und Nahrungszufuhr bis in Ziel bereit stellen kann. Gramm f\u00fcr Gramm leert man, ohne es zu ahnen, den Tank, bis er pl\u00f6tzlich &#8222;alle&#8220; ist. Verh\u00e4ngnisvollerweise ist bei entleerten Kohlenhydratspeichern auch keine ausreichende Energiegewinnung aus den Fettspeichern mehr m\u00f6glich. Denn die Fettverbrennung ben\u00f6tigt ebenfalls Kohlenhydrate (Glykogen). Ist dieser Weg versperrt, baut der K\u00f6rper Eiwei\u00df ab, auf Deutsch: er verdaut sich selbst. Kein Wunder, dass der Organismus alle Hebel in Bewegung setzt, diesen Zustand zu stoppen. Nur mit \u00e4u\u00dferster Willenskraft kann sich der Athlet gegen Schmerzen und M\u00fcdigkeit wehren, und selbst dies nur mit deutlich gedrosseltem Tempo. Kurz: Ein nur leicht \u00fcberh\u00f6htes Lauftempo (gleichbedeutend mit einem leicht \u00fcberh\u00f6htem Verbrauch an Kohlenhydraten) macht die zweite H\u00e4lfte des Marathons zur Tortur. Und oft zum Wandertag.<\/p>\n<p>Deshalb der dringende Rat, bis Kilometer 15 oder Halbmarathon in komfortablem, lockerem Tempo laufen. Wer das Bed\u00fcrfnis versp\u00fcrt, schneller zu laufen, sollte es erst nach dieser Marke wirklich tun (falls ihm dann noch danach ist).<br \/>\nZwischen Laufkilometer 5 und 15 wird gerne \u00fcberzockt.<\/p>\n<p><b>Der unbewusste Einfluss des Gehirns<\/b><br \/>\nEin letzter Tipp zu diesem Thema: Das Gehirn arbeitet in den meisten k\u00f6rperlichen Funktionen vollkommen unbewusst. Was zum Beispiel unsere Leber in jeder Sekunde an chemischen Wundern vollbringt, dringt nicht in unser bewusstes Erleben vor. Das Gehirn wei\u00df dennoch ganz genau, was dort vor sich geht, schlie\u00dflich steuert es diese Vorg\u00e4nge unter Ber\u00fccksichtigung zahlloser anderer Prozesse, die irgendwo im K\u00f6rper ablaufen. Auch \u00fcber den F\u00fcllstand an Glykogen (Kohlenhydraten), Fl\u00fcssigkeit und Mineralstoffen im K\u00f6rper ist das Gehirn genauestens im Bilde, allerdings auf einer unbewussten Ebene. Es steuert mit diesen Informationen das Dir m\u00f6gliche Tempo. Anders gesagt: Wenn das Gehirn findet, dass es langsam reicht, wird es Dich herunterregeln, bis Du gehst.<\/p>\n<p>Diese Zusammenh\u00e4nge kann man nutzen, indem man das Gehirn stets mit der Information versorgt, wie weit es noch ist. Denn mit diesem Wissen kann die oberste Schaltzentrale Dein subjektives Belastungsempfinden und die unbewusste Leistungsbereitschaft des K\u00f6rpers steuern, und zwar besser, als Du selbst es k\u00f6nntest. Also lautet die Aufgabe: Sage Deinen grauen Zellen, wie weit es noch bis ins Ziel ist. Eine einfache M\u00f6glichkeit daf\u00fcr ist, die Rennkilometer r\u00fcckw\u00e4rts zu z\u00e4hlen. Bei Radkilometer 40 sagt man sich innerlich: &#8222;Noch 140 Kilometer im Renntempo, das sind viereinhalb Stunden. Danach ein Lauf \u00fcber 42 Kilometer, das macht noch einmal vier Stunden. Also noch achteinhalb Stunden!&#8220;. Beim Marathon z\u00e4hlt man ebenfalls r\u00fcckw\u00e4rts: &#8222;Noch vierzig!&#8220; statt &#8222;Schon zwei!&#8220; am zweiten Kilometerschild.Erst in der Endphase des Marathons kehrt man diese Taktik in ihr Gegenteil um. Man verheimlicht des Gehirn tunlichst die Tatsache, dass es noch 10 Kilometer sind und ruft ihm zu &#8222;Nur noch bis dort vorne zu der Kurve, danach sehen wir weiter&#8220;. Dass man mit Vorsicht und Verstand agieren muss, wenn man versucht, das eigene Gehirn zu \u00fcbert\u00f6lpeln, versteht sich von selbst.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.triathlon-szene.de\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=845&amp;Itemid=14\">http:\/\/www.triathlon-szene.de\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=845&amp;Itemid=14<\/a><\/p>\n<p>gutes Training!<br \/>\nkrelli<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So kurz vor den gro\u00dfen Wettkampfh\u00f6hepunkten noch einmal ein alter Bericht, der jedoch nach wie vor aktuell ist, vor allem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1525,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1221,1219],"tags":[],"class_list":["post-449","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-coaching"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v19.8 - 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